Holpriger Start für „Merkel-TV“ im weltweiten Netz
Mit wöchentlichen Internet-Botschaften betritt die Kanzlerin Neuland / Von „Realsatire pur“ bis „furchtbar lustlos“
Mannheimer Morgen, 02. September 2006 / Julia Olbrich
Berlin/Mannheim. „Jetzt geht’s los!“ Mit diesen schlichten Worten startete Angela Merkel Anfang Juni endgültig in das multimediale Zeitalter. Als vermutlich erstes Staatsoberhaupt hat sich die Kanzlerin dazu entschlossen, aktuelle Themen in einer Art wöchentlichem „Merkel-TV“ auf ihrer Homepage zu erörtern. Die Internetgemeinschaft nahm das Experiment von wohlwollend bis kritisch auf ...
Heute starten die nächsten Episoden unter Federführung einer neuen Produktionsfirma. Seit etwa zwei Jahren ist eine besondere Form der Kommunikation in Deutschland auf dem Vormarsch. In Internet-Tagebüchern, so genannten „Blogs“, teilen Menschen Banalitäten, Nützliches oder Bewegendes einer potentiell riesigen Leserschaft mit. Ein „Videoblog“ ist das Pendant dazu – nur in Form eines kleinen Films. Doch auch „Videobloggen“ will gelernt sein. Dass aller Anfang schwer ist, muss sich Merkel wohl bei der Produktion der ersten Episode gedacht haben. Vor der unbewegten Kulisse des Berliner Reichstages erklärte die Kanzlerin noch etwas unbeholfen ihr Anliegen: Neue
technologische Möglichkeiten würden nicht nur junge Menschen faszinieren. „Auch ich habe Freude daran“, verkündete sie mit völlig unbewegter Miene. Natürlich blieb der erste Auftritt nicht unkommentiert, genüsslich spitzten die „Blogger“ ihre virtuellen Bleistifte: „Die Frau ist ja Realsatire pur“, wirke „furchtbar lustlos“ und insgesamt sei das ja „noch nicht das Gelbe vom Ei“, so lauteten die Einträge in verschiedenen Blogs.
Als „absolut pepplos“ bewertet Köpersprachenexperte Günter Hübner den Videoblog-Start. „Die Kanzlerin tritt auf wie eine Nonne“, sagt der Mann, der Merkels Auftreten schon während des Kanzler-Duells für RTL bewertete. Egal ob es um die Fußball-WM oder die Gesundheitsreform geht: Bei Merkel blieben Stimme und Gestik immer gleich. „Sie spricht ausschließlich mit den Augen, der Rest kommt nicht zum Einsatz“, meint er. Das wirke hölzern.
Auf die Internet-Nutzer dürfte aber gerade dieses Defizit einen großen Aufforderungscharakter haben. Die Videoblogs scheinen wie geschaffen für Imitationen und Remakes, die es auf der Internetseite youtube.com in Fülle zum Anschauen gibt. Auch Merkel selbst war mit ihrem ErstlingsWerk noch nicht zufrieden. „Das hat noch etwas verkrampft gewirkt“, lautete ihr kritisches Selbsturteil. Doch Schützenhilfe eilte in Form von Katharina Borchert ins Kanzleramt. Borchert selbst avancierte mit ihrem Blog zur Kult-Figur in der Internetgemeinschaft. Ihrer Popularität verdankte sie erste journalistische Aufträge – nun hat sie den Vertrag als Online-Chefredakteurin der WAZ-Gruppe unterschrieben. In einem privaten Gespräch tauschten sie und Merkel erste Erfahrungen und Feedback mit dem Videoblog aus. „Die Parteien bemühen sich immer mehr, das Internet für ihre Zwecke einzusetzen“, sagt Christoph Neuberger, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft in Münster. Vor allem im vergangenen Wahlkampf seien verstärkt Aktivitäten in Form von „Blogs“ beobachtet worden. Doch Neuberger bezweifelt, dass sich damit Politik transportieren lässt. Bloggerin
Borchert ist anderer Meinung. „Ich finde es eine spannende Sache und eine tolle neue Form, um mit den Bürgern in Kontakt zu kommen“. Merkel sei mutig, sich als erste an die Videobotschaften heranzutrauen. Allerdings „ähnelt das Ganze noch zu sehr einer steifen Fernsehansprache mit wenig Unterhaltungswert“, sagt sie. Dementsprechend „mäßig“ sei momentan auch die Resonanz in der Internetgemeinschaft auf die Videoblogs. Laut Bundespresseamt erfreute sich die erste Episode noch großer Beliebtheit:
100 000 Zugriffe konnten verzeichnet werden. Doch das Interesse sank: Die letzten Episoden konnten nur noch jeweils 10 000 Klicks verbuchen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Folgen nach der Sommerpause von einer neuen Produktionsfirma, der Evisco AG in München, gedreht werden. Inhaber der Firma ist ausgerechnet Stoiber-Schwiegersohn Jürgen Hausmann, der eine Auftragsvergabe durch besondere Beziehungen dementiert. Die Arbeit seines Vorgängers möchte er nicht kommentieren, und auch Details über die neuen Clips gibt er nicht Preis. Nur soviel: „Man wird einen Unterschied sehen.“ Merkel-Videoblogs gibt es auf: www.bundeskanzlerin.de
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