Man ist fasziniert von der jungen Frau, die scheinbar so gefasst über ihre Situation spricht. Doch Körpersprachen-Experte Günter Hübner sieht das anders: "Das Interview war zu 80 Prozent eine Inszenierung."
Natascha Kampusch habe "die Antworten von ihrem Psychologen Max Friedrich vorgefertigt bekommen", behauptet Hübner. Aber das sei für die 18-Jährige auch eine Schutzfunktion gewesen. "Sie ist sich bewusst gewesen, dass sie etwas vorgespielt hat", analysiert er. Ihre Kommunikationssignale seien nicht stimmig gewesen. Meistens habe sie bei den Antworten die Augen geschlossen gehalten, nicht nur um sich zu konzentrieren. "In ihr lief ein anderer Film ab, den sie aber nicht zeigen wollte", erklärt Hübner. "Sie machte die Rollladen zu, als wollte sie sagen, das geht euch nichts an."
Während des Interviews verschränkte Natascha Kampusch oft ihre Arme, drückte ihre Hände fest aneinander. Permanent suchten sie Halt, ob am Taschentuch oder an der Bluse, an der sie immer wieder zupfte. Hübner: "Ihre ganze Körperhaltung hat gezeigt, wie gefangen sie in der Situation war." Die Oberarme hielt sie eng an den Körper. "Nur in ihren Handbewegungen zeigte sie Emotionen", so der Körpersprachen-Experte.
Seiner Meinung nach übten die Therapeuten zu viel Einfluss auf die junge Frau aus. Kampusch habe zu Anfang des Gesprächs häufig die Augen ihrer Betreuer gesucht, ihnen Kontrollblicke zu geworfen. "Die saßen ja im Hintergrund wie die Stasi auf der Stange." Das habe auf Natascha einen viel größeren Druck ausgeübt als die Interview-Situation selbst. "Ihr Atem stockte, immer wieder schossen ihr Tränen in die Augen."
Hübner hat vor der Ausstrahlung das TV-Interview in einer ungeschnittenen Version gesehen. "Es gab Szenen, in denen sie den Journalisten angegriffen hat. Die wurden aber herausgeschnitten." Das zeige auch, wie wenig Entscheidung man ihr überlasse. "Sie ist von einem Kidnapping ins andere gekommen", so der Experte.