Berliner Tagesspiegel vom 19.07.2006
Angela Merkel und George W. Bush sind Meister der Mimik und Gestik, das ist auf Bildern gemeinsamer Auftritte zu erkennen. Was verrät ihre Körpersprache über die deutsch-amerikanischen Beziehungen?
Von Dagmar Rosenfeld
Worte können ablenken, in die Irre führen und manchmal sagen sie nicht alles. Der Körper verstellt sich nicht, und so können Bilder oft mehr erzählen als Worte. Zum Beispiel die Fotos, die in letzter Zeit von Kanzlerin Angela Merkel und US-Präsident George W. Bush gemacht wurden. Bilder, aus denen sich auch etwas über das deutsch-amerikanische Verhältnis ablesen lässt. Dass sie einander schätzen, das haben Merkel und Bush beteuert. Dass sich die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA entspannt haben, da sind sich beide einig. Wie eng das Verhältnis tatsächlich ist, das zeigt die Analyse der folgenden Bilder, die Günter Hübner, Experte für Körpersprache, für den Tagesspiegel gemacht hat.
13. Januar 2006, Merkels Antrittsbesuch in Washington.
„Damenhaft, mit übereinander geschlagenen Beinen, präsentiert sich
Merkel: Schon Staatsfrau, aber auch ein wenig artige Pfarrerstochter.
Merkel ist Gast und so verhält sie sich auch, dezent und zurückhaltend.
Bush fühlt sich in ihrer Gegenwart wohl: Breitbeinig sitzt er da, eine
für ihn typische Machopose. Er wirkt entspannt, aber nicht arrogant
lässig, denn sein Oberkörper wahrt Haltung. ,A Cowboy and an Angel‘
titelte die ,Washington Post‘ damals und ahnte schon: Da geht was.“
3. Mai 2006, Merkels zweiter Besuch in Washington. „Es
ist Gefühl im Spiel: Bush neigt seinen Kopf nach rechts, öffnet so
seine linke Seite. Das ist die Herzensseite und signalisiert, dass er
bereit ist, sich emotional zu öffnen. Merkel breitet die Arme aus, eine
Haltung, die in Gesprächssituationen für sie typisch ist. Diese Geste
ist weniger als Umarmung zu verstehen, sondern meint: Ich rede offen
mit dir. Gleichzeitig verschafft Merkel sich mit den weit ausholenden
Armen Raum. Allerdings halten beide trotz der Offenheit noch einen
angemessenen Abstand.“
13. Juli 2006, Bush zu Besuch in Stralsund.
„Mehr Nähe geht kaum noch. Beinahe hingebungsvoll beugt sich Bush zum
Begrüßungskuss nach vorne, seine Augen sind geschlossen. Das zeugt von
bedingungslosem Vertrauen. Merkel kommt ihm entgegen, nicht nur ihr
Mund lächelt, sondern auch ihre Augen – ein Augenblick ehrlich
empfundener Emotion. Längst hat Merkel ihre Zurückhaltung abgelegt,
vielmehr wird die Situation jetzt von ihr bestimmt: Mit ihrer Hand auf
Bushs Oberarm lenkt sie ihn und kontrolliert, wie nah er ihr kommen
darf.“
17. Juli 2006, G-8-Gipfel in St. Petersburg. „Der
große Bruder nimmt die kleine Schwester an die Hand, beschützend und
gleichzeitig bestimmend. Für ein politisches Treffen, die Teilnehmer
des G-8- Gipfels stellen sich gerade zum Gruppenfoto auf, ist das eine
ungewöhnlich intime Geste. Während die anderen Teilnehmer kerzengerade,
jeder für sich, ihren Platz einnehmen, symbolisiert Bush: Merkel und
ich, wir gehören zusammen, wir sind Partner. Er reicht ihr die Hand,
zeigt damit Fürsorge. Merkels Blick verrät: Sie fühlt sich geschätzt –
und genießt es.“